GüssVita Blog
Montag, 17. August 2009
Die Krise vor der Krise

In der Tagesschau: Krise / Im Zweiten (mit dem man besser sieht): Krise / In den einschlägigen Wirtschaftspublikationen: Krise / Im Internet: Krise … und im Kopf??
Man kann es bald nicht mehr aushalten. Ich persönlich finde, dass das Wort „Krise“ zum Unwort des Jahres 2009 taugt. Jeder benutzt es, viele halten daran fest … und manchen nutzt es. Langsam wird es ein Teufelskreis, der jeden und alles ansteckt.
Lassen Sie mich ein wenig aus dem Nähkästchen eines Beraters erzählen. Ich pflege einmal im Monat an einem Samstag für enge Freunde zu kochen. Das Kochen selbst entspannt, weckt die Kreativität und spricht mit den entstehenden Gerüchen alle Sinne an. Es macht Freude, Freunde zu bewirten, ihnen auf eine ganz breite Weise zu zeigen, dass man sie schätzt und es ein Genuss ist, ganz intime Momente, wie das Essen, mit ihnen zu teilen.
Doch vorgestern war es anderes; zumindest bis kurz nach dem Hauptgang.
Bei der Vorspeise war seliges Erwarten und die Welt noch in Ordnung: Klare Brühe mit Maultaschen. Leicht gesudet und verfeinert mit frisch geriebenem Parmesello (den Parmesello erst kurz vor dem Anrichten auf die Brühe geben, damit er seinen Geschmack nicht in der kochenden Brühe verliert).
Es schien, als sei die Vorspeise wieder der Beginn einer sehr entspannten Atmosphäre. Der zur Suppe gereichte Hermanos Lurton Rueda Blanco 2007 tat sein übriges, um den Geist anzuregen. Die Gespräche fanden abwechselnd und mit einem Lächeln in den Gesichtern statt.
Beim zweiten Gang war ich selbst etwas skeptisch und zaghaft. Das lag aber an meiner etwas eigensinnigen Interpretation eines Salates. Ein Radicchio Rosso di Verona mit etwas grünem Saisonsalat gestreckt. Dazu eine milde Olivenölmarinade mit einem Hauch feiner Weinhefe. Dieser Salat umschmeichelte auf dem Teller edle Mischpilze, welche kurz in Kräuter und Pfeffer ausgebraten und mit Sahne ausgeschmort wurden.
Jetzt! Waren es die Pilze, oder war es doch der verwegene Einfall, mit einer Ölmarinade Weinhefe zu vermengen? Jetzt kam dieses Wort zum ersten Mal über den Tisch geflogen. Krise. Als ehemaliger Bundeswehrsoldat kannte ich die Gesetze von Tarnen und Täuschen. Ich bin sofort in die Küche abgetaucht, um dem Hauptgang den letzten Schliff zu geben. Aber ich hatte schon so meine Befürchtungen.
Wenn bereits der Salat zu solchen Abstürzen führt, was richtet dann erst mein jetziger Versuch an, Lende einmal nordisch zu servieren. Ich will es kurz machen: 200 Gr. Lachsfilet in einer Grundsouce aus Tomaten lange auskochen. Mit Kräutern und Sahne abschmecken. Danach die Souce sieben. Die Lende scharf anbraten und auf Blattspinat mit fein gewürfelten Metzgerzwiebeln (die Zwiebeln zuvor 3 Stunden marinieren) anrichten. Dazu breite (aber wirklich breite) Bandnudeln servieren. Das Gericht auf dem Teller nur mit sehr wenig Souce ausgarnieren. Es ist nun spannend, wie die Gäste auf diese Zusammenstellung reagieren. Als Beilagengemüse hatte ich mich für leicht kandierte Möhren entschieden. In meinem Übermut an Waghalsigkeit hatte ich zum Hauptgang einen Nacker Spätburgunder (Der Winzer ist, wie ich, Schwabe) gereicht.
Ich war erstaunt. Die Souce: weg - die Möhren; weg - und vom Blattspinat blieb auch nichts übrig. Einhelliger Tenor: Eine gewagte Zusammenstellung, aber harmonisch auf der Gabel.
Jetzt dachte ich, dass der Abend so richtig entspannt verläuft. Ein paar Geschichten und Neuigkeiten über die Familie, die Themenpalette um die Hobbys, eine spannende Anekdote um abzuschalten und danach der obligatorische Geschlechterkampf - Frauen sind doch die besseren Männer und wir Männer die besseren Autofahrer.
Und doch war es wieder da: dieses Unwort. Es hat nun auch unseren intimsten Zirkel erreicht. Die Privatsphäre. Den geschützten Raum zwischen Traum und Wirklichkeit. Die Krise verändert die Menschen. Früher hätte ich in Punkto Veränderung und Angst den Film eines genialen Mannes (Rainer Werner Fassbinder) zitiert: Angst essen Seelen auf. Nun bin ich geneigt, dass das Leben selbst die besten Filme schreibt: Krisen essen Seelen auf.
Ich habe es noch einmal hin bekommen. Mit meinem abschließenden Dessert: Eine leicht gefrostete Caramellcreme, überlaufen mit Aprikosenmus und im Glas schichtweise mit Vanilleeis dekoriert. Dazu ein frisch gebrühter Kaffee. Die Gemüter sind wieder auf Normaltemperatur gesunken.
Warum ich mein 4-Gänge-Menü in Zeiten dieser Krisenszenarien ins Spiel bringe? Ich möchte Ihnen, liebe Leser meines Blogs, aber auch unseren Mandanten aufzeigen, dass es einen Ansatz gibt, der Krise zu begegnen. Versuchen Sie, aus dem Teufelskreis Überarbeitung und den Schreckgespenstern der Medien und Publikationen auszubrechen. Sollten auch Sie in einer Krise gefangen sein, Ihr Unternehmen im Sog der Wirtschaftskrise straucheln und der Banker bereits das Wort „5 vor 12“ benutzen, dann lehnen Sie sich erst mal zurück.
Nehmen Sie sich Zeit, kreativ zu sein. Gönnen Sie sich zumindest ein bis zwei Stunden pro Woche, um neue Ideen zu entwickeln.
Kochen Sie, gehen Sie mit Ihrem Hund spazieren, nehmen Sie Ihre Frau zur Seite, spielen Sie mit den Kindern oder laden Sie gute Freunde ein. Es hilft wenig, über das Übel nur nachzudenken, man muss es analysieren, sich nicht vereinnahmen lassen. Vielleicht der Krise mit neuen Inspirationen und auch Emotionen begegnen. Lassen Sie von Zeit zu Zeit los und kehren Sie ganz tief in sich zurück. Sie werden erstaunt sein, wie viel an Kraft und Vielfalt in Ihnen steckt, um sich der Krise zumindest zu stellen.
Wenn es Ihnen dann noch gelingt, auf ein Team zu setzen, das vielleicht auch etwas in seiner Zusammenstellung gewagt ist, dann kann noch viel an positivem bewegt werden, um zumindest der Krise diese Übermacht zu nehmen.
Ich würde uns allen mehr Inspiration und Kreativität wünschen. Ach so, zum Kaffe passt als Abschluss ein Grapa di Vin Santo (mit edlen 43%).
Projektleiter
Alfons Güss; Dipl. Betriebswirt
alfons.guess@guessvita.de
